Auf dem Weg zum Welterbe.

 

Während der Vorbereitung des – inzwischen abgelehnten – Berliner Welterbe­vorschlags »Karl-Marx-Allee 1. und 2. Bauabschnitt / Interbau 1957« wurde – ursprünglich mit dem Zusatz: »Auf dem Weg zum Welterbe« – das Format des Digitalen Dialogs gestartet, mit dem das Landesdenkmalamt die interessierte Öffentlichkeit regelmäßig über Welterbethemen im Allgemeinen und Hintergründe im Speziellen sowie über besondere Denkmalorte informieren will:

In der Digitalen Dialogreihe werfen renommierte Expert*innen Schlaglichter auf ausgewählte Themen, die im Anschluss offen durch ein breites Publikum fachlich Interessierter diskutiert werden sollen. Diskutieren Sie mit!

Die Veranstaltungen finden seit März 2021 jeweils um 18:00 Uhr online statt – vorherige Anmeldung per email erforderlich!

Bisher wurden resp. werden die folgenden Themen vorgestellt:

20. März 2024
Dr. Bärbel Högner:
Welterbe Le Corbusier. Zur Entstehung und Wirkung seiner Architektur und Stadtplanung in Indien

27. Februar 2024
Nicola Halder-Hass:
Schluss mit »Ja, aber …« Der Verband für Bauen im Bestand e.V.

1. November 2023
Andreas Barz:
Schlachtensee | Bogensee – Zwei deutsche Bildungsarchitekturen

10. Oktober 2023
Prof. Dr.-Ing. Werner Lorenz:
Eiserne Eremitage. Konstruktion als Kulturerbe

12. September 2023
Bianka Gericke:
Von der Schrift an der Wand

13. Juni 2023
Bernd Paulowitz:
Das Historische Stadtzentrum von Wien und der Welterbestatus

10. Mai 2023
Elisabeth Korinth:
Blue Shield Deutschland e.V.

25. April 2023
Dr. Anja Guttenberger:
Das Bernauer Welterbe und sein Besucherzentrum

21. März 2023
Dr. Karin Sczech:
Erfurt und sein jüdisches mittelalterliches Erbe

7. Februar 2023
Carsten Bauer:
Über den Tellerrand – Orte der Nachkriegsmoderne in Europa und USA

17. Januar 2023
Anna Maria Boll und Peter Weidisch:
Great Spa Towns of Europe

13. Dezember 2022
Wiepke van Aaken:
Outstanding! Der Olympiapark in München
fällt aus

8. November 2022
Birgit Hammer:
Wer hat Angst vor großen Räumen? Die Freiräume der Karl-Marx-Allee zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz

11. Oktober 2022
Achim Bahr:
Nationales Aufbauprogramm Berlin 1952 – Schwerpunkt Stalinallee

13. September 2022
Isabelle Mühlstädt und Marie Schneider:
Der Stuttgarter Fernsehturm – Archetyp und Symbol moderner Massenkommunikation

14. Juni 2022
Dr. Matthias Grünzig:
Zwischen Europacenter und Corbusierhaus – westliche Einflüsse auf die Ost-Berliner Zentrumsplanung

11. Mai 2022
Daniela Gurlt:
Welterbe anderswo: Die Altstadt von Damaskus

15. März 2022
Dr. Andreas Butter:
Solidarität, Anerkennung, Devisen. DDR-Architektur im Ausland

22. Februar 2022
Prof. Dr. Bernd Scherer:
Das Haus der Kulturen der Welt als Ort des transkulturellen Diskurses in der Kongresshalle der Interbau 1957

12. Januar 2022
Thomas Zill:
Josef Kaiser – Architekt in der Karl-Marx-Allee, 2. Bauabschnitt

8. Dezember 2021
Dr. Paul Sigel:
Moderator und Vermittler: Otto Bartning als städtebaulicher Berater in Berlin

19. Oktober 2021
Daniela Gurlt, Katrin Lesser, Dr. Michaela Nowotnick, Thorsten Klapsch:
Leben im (potentiellen) Welterbe – Entwicklungen und Erfahrungen

8. September 2021
Ben Kaden:
Ansichtskarten als Quellen zur Architekturgeschichte

9. Juni 2021
Klaus Lingenauber:
Die Freiräume im Hansaviertel und an der Karl-Marx-Allee

12. Mai 2021
Dr. Paul Sigel, Dr. Thomas Flierl, Dr. Sandra Wagner-Conzelmann:
Berlin Ost West Ost. Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne

14. April 2021
Prof. Dr. Simone Hain:
Vom Kollektivplan zum Hauptstadtwettbewerb. Drei städtebauliche Leitbilder im Konflikt

10. März 2021
Prof. Dr. Jörg Haspel:
Welterbe der Moderne – Welterbe Berlin. Bestand und Aussichten

1. Welterbe der Moderne – Welterbe Berlin

Strausberger Platz; Bild: © Wolfgang Bittner, Landesdenkmalamt Berlin.

Prof. Dr. Jörg Haspel, Präsident von ICOMOS Deutschland und ehemaliger Berliner Landeskonservator, eröffnet die neue Reihe am 10. März 2021 mit einem allgemeinen Überblick zum ersten Tentativvorschlag das »Doppelte Berlin« von 2012: »Welterbe der Moderne – Welterbe Berlin. Bestand und Aussichten«, die Moderation übernimmt Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut.

2. Vom Kollektivplan zum Hauptstadtwettbewerb

Wohnzelle Friedrichshain, um 1946; Privatarchiv Selman Selmanagic, Landesdenkmalamt Berlin.

Am 14. April 2021 hält Prof. Dr. Simone Hain den Vortrag »Vom Kollektivplan zum Hauptstadtwettbewerb. Drei städtebauliche Leitbilder im Konflikt« über die ersten Jahre der Stadtentwicklung in Ostberlin; an den wiederholten Veränderungen des Gestaltungskonzepts werden »Reichtum« und »Beweglichkeit« der Ostberliner Nachkriegsmoderne deutlich:

Behandelt werden der funktionalistische »Kollektivplan« von 1946, die »Reise nach Moskau« 1950, die stadtbaukünstlerische Hauptachse von 1950-52, der traditionalistische Wiederaufbau und die Stalinallee sowie die konfliktträchtige Auflösung der historistischen Doktrin im Zuge der Industrialisierung der Architektur und der bereits nach 1956 einsetzenden Rückkehr zum Neuen Bauen.

3. Berlin Ost West Ost

Gropius-Haus im Hansaviertel; Bild: © Wolfgang Bittner, Landesdenkmalamt Berlin.

Am 12. Mai 2021 referieren Dr. Paul Sigel, Dr. Thomas Flierl und Dr. Sandra Wagner-Conzelmann unter dem Titel: »Berlin Ost West Ost. Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne. Gemeinsamkeiten der drei Teilgebiete als Grundlage für einen OUV des potentiellen Welterbes« über die wesentlichen städtebaulichen und architektonischen Aspekte der drei potentiellen Welterbe-Gebiete:

Ein entscheidender Baustein im aktuellen Welterbeprozess ist eine fundierte Begründung des Outstanding Universal Value (Außergewöhnlichen Universellen Werts) nach den Kriterien der UNESCO.

4. Die Freiräume im Hansaviertel und an der Karl-Marx-Allee

Hansabücherei; Bild: © Anne Herdin, Landesdenkmalamt Berlin.

Am 9. Juni 2021 berichtet Klaus Lingenauber, der langjährige Gartendenkmalpfleger des Landesdenkmalamtes Berlin, über Gestaltung, Erhaltung und Restaurierung der Grünräume in den drei Gebieten: Welche Persönlichkeiten waren daran beteiligt, welchen Idealen folgte die Gestaltung und welche Leitmotive lassen sich noch heute erkennen?

Im Hansaviertel schufen national und international bedeutende Landschaftsarchitekten geradezu prototypische Beispiele von öffentlichen und privaten Freiräumen. […] In konsequenter Abkehr von der steinernen Stadt war der Wiederaufbau des Hansaviertels ein unbedingtes Bekenntnis zur Moderne.

5. Ansichtskarten als Quellen zur Architekturgeschichte

Stalinallee in Richtung Westen
Stalinallee in Richtung Westen – vor Errichtung des Fernsehturms; Postkarte: © BEBUG/Bild und Heimat.

Der Bibliothekswissenschaftler Ben Kaden thematisiert am 8. September 2021 Ansichtskarten als überraschend komplexe Annährung an gewesene und gegenwärtige Räume, anhand einer Auswahl hier insbesondere des ersten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee:

Im Fall der spezifischen Ansichtskartenfotografie der DDR und mit Zuschnitt auf die Stalinallee bzw. Karl-Marx-Allee folgte [die Abbildung] nicht nur bestimmten Darstellungskonventionen, sondern auch ideologisch geprägten Anforderungen an die Motivwahl und die Bildsprache. Gleichzeitig offenbart eine Auseinandersetzung mit den Karten eine bemerkenswerte Bandbreite in der fotografischen Umsetzung dieser Vorstellungen.

6. Leben im (potentiellen) Welterbe – Entwicklungen und Erfahrungen

Sechs Siedlungen der Berliner Moderne; Titel (Ausschnitt): © Landesdenkmalamt Berlin.

Anlässlich zweier neuer Publikationen – »Sechs Siedlungen der Berliner Moderne. Entwicklungen und Erfahrungen in der UNESCO-Welterbestätte« sowie »Mein Stalinbau. Eine Berliner Straße und die Geschichten ihrer Bewohner« – geben uns zunächst die beiden Autorinnen Daniela Gurlt, Mitarbeiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde Charlottenburg-Wilmersdorf, und die Garten- und Landschaftsarchitektin Katrin Lesser Einblicke in ihre Arbeit und ihre Erfahrungen mit den Berliner Siedlungen der Moderne.

Die Langzeitdokumentation von Thorsten Klapsch und Michaela Nowotnick porträtiert Bewohnerinnen und Bewohner der einstigen Stalin-, heutigen Karl-Marx- und Frankfurter Allee in ihren Wohnungen und bildet durch Architekturaufnahmen des ersten Wohnbaugroßprojekts der DDR deren Wohnumfeld ab; die fotografischen Einblicke werden durch sehr persönliche Texte über die jeweiligen Protagonisten ergänzt:

In der Publikation kommen die Akteure zu Wort, die den Welterbegedanken mit Leben füllen und die Siedlungen der Berliner Moderne mit hohem Einsatz pflegen, behutsam entwickeln und ihre Erfahrungen weitergeben.

Nach einem kurzen Input von Daniela Gurlt und Katrin Lesser sprechen Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut und Sabine Ambrosius, Welterbe-Referentin im Landesdenkmalamt Berlin, mit ihren Gästen über das Leben im (potentiellen) Welterbe.

7. Otto Bartning als städtebaulicher Berater in Berlin

Otto Bartning (1929-1934): Gustav Adolf-Kirche, Berlin.
Otto Bartning: Gustav Adolf-Kirche (1929-1934), Berlin.
Beim Wiederaufbau Berlins in der Nachkriegszeit wirkte Otto Bartning als Moderator, Vermittler und Berater mit internationaler Strahlkraft und prägte als einflussreicher baukultureller Funktionär an entscheidender Position die »Interbau 1957« mit.
Der Kunst-, Architektur- und Städtebauhistoriker Dr. Paul Sigel war Vorsitzender des Wissenschaftlichen Teams, das dieses Jahr gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt den Outstanding Universal Value für den Welterbevorschlag Karl-Marx-Allee und Interbau 1957 erarbeitet hat. In seinem Vortrag beleuchtet er die maßgebliche Rolle Otto Bartnings als städtebaulicher Berater im Berlin der 1950er Jahre.

8. Josef Kaiser – Architekt in der Karl-Marx-Allee, 2. Bauabschnitt

Ehemaliges Großraumkino Kosmos in Berlin-Friedrichshain.
Ehemaliges Großraumkino Kosmos in Berlin-Friedrichshain; © Roland Arhelger.
Josef Kaiser, Chefarchitekt in Stalinstadt (Wohnkomplex II), prägte maßgeblich das Erscheinungsbild des 2. Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee: Kino International, Café Moskau, Hotel Berolina, außerdem das Centrum-Warenhaus und das Außenministerium – sowie natürlich das Kino Kosmos zwischen Block E- und F-Nord und nicht zuletzt das Haus an der Händelallee 61 im Hansaviertel:

Bekannt sind bisher ca. 400 Bauten, Projekte und teils nicht ausgeführte Planungen, die ihn in den Kreis der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts in Deutschland stellen. Seine Typenplanungen für den seriellen Wohnungsbau (z. B. mit der Entwicklung der Q3-Serie) in den 1950er und 1960er Jahren […] hatten beträchtlichen Einfluss auf die Bautätigkeit in der DDR.

[…] In den 1970er Jahren war er als Berater der Aufbauleitung Sondervorhaben Berlin an der Planung für den Palast der Republik, das Bettenhaus der Charité, das Internationale Handelszentrum und den Friedrichstadt-Palast beteiligt.

9. Das Haus der Kulturen der Welt in der Kongresshalle

Kongresshalle, Haus der Kulturen der Welt
Haus der Kulturen der Welt, früher Kongresshalle; © Berthold Werner.

Die ikonische Kongresshalle im Tiergarten ist Bestandteil des im Oktober 2021 bei der Kulturministerkonferenz eingereichten Tentativvorschlags »Karl-Marx-Allee und Interbau 1957. Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne«. 1980 eingestürzt und 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins wiedereröffnet, beherbergt das Gebäude seit 1989 das Haus der Kulturen der Welt (HKW), das derzeit von Prof. Dr. Bernd Scherer geleitet wird:

… das Haus der Kulturen der Welt [definiert] seit vielen Jahren aktiv die Rolle von institutioneller Vermittlung neu und setzt Standards für die Kommunikation von Transformationsprozessen in unserer Gesellschaft und die neue Auseinandersetzung mit postkolonialen Strukturen. […] Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich in der Nutzung des Gebäudes und welche Rolle könnte das HKW im Zusammenhang mit einer Welterbestätte übernehmen?

10. Solidarität, Anerkennung, Devisen. DDR-Architektur im Ausland

Sansibar, Wohngebiet Kilimani, 1969; Bild: © IRS Erkner, Heinz Willumat.

Der Kunsthistoriker Dr. Andreas Butter arbeitet seit 2010 in den Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS Erkner, seine Publikationen konzentrieren sich auf die deutsche Architekturgeschichte sowie auf die Schwerpunkte DDR und Berlin. In seinem Vortrag thematisiert er

die Präsenz der Architektur der DDR im Ausland mit ihrer Einbettung in globale Ideen- und Transferprozesse. Das Feld erstreckt sich von Wettbewerbsbeteiligungen für politische Monumente über Schulen, Werksanlagen bis hin zum Bau von Wohnungen und ganzen Städten. Hierzu wurde eine erste, nahezu umfassende Bestandsaufnahme realisiert, deren wichtigste Objekte in einer Onlinedatenbank aufgerufen werden können.

Ein Sammelband zu diesem Thema befindet sich im Auftrag der Hermann-Henselmann-Stiftung in Vorbereitung.

11. Welterbe anderswo: Die Altstadt von Damaskus

Altstadt von Damaskus, 2011; Bild: © Daniela Gurlt.

Daniela Gurlt lebte von 2007 bis 2011 in Damaskus und war Mitarbeiterin eines deutsch-syrischen Projektes der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit zur Stadtentwicklung in Syrien. Die Altstadt von Damaskus gilt als eine der ältesten bis heute durchgängig bewohnten Städte der Welt:

Die Zeugnisse ihrer 8000 Jahre überspannenden Stadtentwicklung bedienen sämtliche Eintragungskriterien der 1972 verabschiedeten Welterbekonvention. Nach Etablierung der Welterbeliste im Jahr 1978 wurde die »Altstadt von Damaskus« bereits 1979 in diese Liste aufgenommen. Wie alle syrischen Welterbestätten steht auch die Altstadt von Damaskus seit 2013 auf der Roten Liste der UNESCO.

Glücklicherweise blieb sie von schwerwiegenden Kriegsschäden verschont. – Daniela Gurlt ist heute Leiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf.

12. Westliche Einflüsse auf die Ost-Berliner Zentrumsplanung

Blick auf den Fernsehturm von Westen; Bild: © Matthias Grünzig.

Das Zentrum Ost-Berlins gilt als Ausdruck einer sozialistischen Gesellschaft, das in Abgrenzung zu westlichen Stadtvorstellungen entwickelt wurde, manche Quellen aus Archiven zeigen ein jedoch anderes Bild:

Demnach wurde das Ost-Berliner Zentrum stark von westlichen Architekturentwicklungen beeinflusst. Hier wirkten Architekten, die international bestens vernetzt waren und die einen engen Austausch mit ihren westlichen Kollegen pflegten. Sie entwarfen rings um den Fernsehturm ein Ensemble, das vor allem von westlichen Vorbildern inspiriert wurde. Allerdings kopierten sie nicht einfach diese Vorbilder, sondern verarbeiteten sie zu einem stimmigen Gesamtkonzept.

Der Bauhistoriker und Architekturjournalist Dr. Matthias Grünzig berichtet über diese wenig bekannte Geschichte, sein Buch »Der Fernsehturm und sein Freiraum – Geschichte und Gegenwart im Zentrum Berlins« erscheint im Herbst 2022.

13. Der Stuttgarter Fernsehturm – Archetyp und Symbol

Stuttgarter Fernsehturm in der Abenddämmerung
Der Stuttgarter Fernsehturm in der Abenddämmerung; Bild: © Zonk43.

Der Stuttgarter Fernsehturm markiert 1955 den Beginn des Fernsehzeitalters und wurde zum Vorbild für zahlreiche weitere Sendetürme weltweit. Das Planungsteam um Fritz Leonhardt schuf mit ihm eine neuartige architektonische Antwort auf die zwangsläufige Sichtbarkeit und die technischen Anforderungen einer Fernsehsendestation:

In seiner neu geschaffenen Charakteristik wurde der Fernsehturm zu einer der einprägsamsten Bauformen des 20. Jahrhunderts. Mit seiner architektonischen Form und den über die reine Funktionalität hinausreichenden Nutzungsebenen, entwickelte er sich zum Sinnbild für das Massenmedium Fernsehen und in Stuttgart zugleich als weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt.

Der Stuttgarter Fernsehturm wurde im Oktober 2021 vom Land Baden-Württemberg für die deutsche Tentativliste als UNESCO Weltkulturerbe vorgeschlagen.

Isabelle Mühlstädt ist Gebietsreferentin für die UNESCO Welterbestätte Klosteranlage Maulbronn beim Landesamt für Denkmalpflege BadenWürttemberg. Marie Schneider ist seit 2020 Gebietsreferentin für BadenBaden als Teilstätte der UNESCO Welterbestätte Great Spa Towns of Europe beim Landesamt für Denkmalpflege BadenWürttemberg.

14. Nationales Aufbauprogramm Berlin 1952 – Schwerpunkt Stalinallee

Die Straße des Friedens
Broschüre: »Stalinallee. Die Strasse des Friedens« (1952).

Die ehemalige Stalinallee stellt – zumindest in Europa – die letzte Verwirklichung eines groß angelegten stadtplanerischen Gesamtkonzepts dar. Die Gebäude und Wohnungen zwischen Strausberger Platz und Proskauer Straße waren zu ihrer Entstehungszeit in der noch weithin zertrümmerten Stadt nicht nur besonders prachtvoll, sondern auch außerordentlich luxuriös:

In einer gigantischen Recycling-Aktion buchstäblich auferstanden aus Ruinen, erschienen die imposanten Wohnbauten der von den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit erschöpften Bevölkerung als Monumente der Hoffnung und greifbare Vorboten einer besseren Zukunft.

Die heutige Karl-Marx- und Frankfurter Allee wurde 2021 – gemeinsam mit Interbau 1957 – zur Aufnahme in die nationale Tentativ­liste für das UNESCO-Weltkulturerbe vor­ge­schlagen.

Achim Bahr ist Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender des Vereins STALINBAUTEN, der sich dem bürgerschaftlichen Engagement und der bau- und kulturhistorischen Aufklärung rund um die ehemalige Stalinallee widmet.

15. Die Freiräume im 2. Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee

Karl-Marx-Allee, II. Bauabschnitt mit Grünflächen; Quelle: KoSP GmbH.

Das Gebiet des 2. Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee ist ein prägnantes städtebauliches Ensemble der Nachkriegsmoderne, bei dem die Idee der offenen Bebauung durch Einzelgebäude aus vorgefertigten Elementen umgesetzt wurde. Die Freiräume dazwischen unterstützten den Städtebau,

die lockere Anordnung von Einzelbäumen und Baumgruppen […] waren maßgebliche Entwurfsprinzipien. […]. Auf Einfriedungen wurde bewusst verzichtet. Der gesamte Freiraum sollte der Gemeinschaft zur Verfügung stehen und war öffentlich zugänglich. Ein dichtes Netz aus Fußwegen und Wohnstraßen ermöglicht eine freie Bewegung im Wohngebiet.

Die Landschaftsarchitektin Birgit Hammer ist mit dieser Thematik seit langem vertraut und erarbeitete den Leitfaden zur Freiraumgestaltung, zudem wurde sie 2019 im Zuge der Pavillonneubauten mit der freiraumplanerischen Gesamtleitung beauftragt.

16. Die bedeutenden Kurstädte Europas und Bad Kissingen – Geteiltes Erbe

Brunnen- mit angrenzender Wandelhalle in Bad Kissingen.
Brunnen- mit angrenzender Wandelhalle in Bad Kissingen; Bild: © Sigismund von Dobschütz.

Elf bedeutende europäische Kurstädte haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht, um ihr »Kur-Erbe« zu schützen und es für kommende Generationen zu erhalten:

Das europäische Kurphänomen ist ein komplexes Geflecht aus architektonischem, städtebaulichem und immateriellem Erbe, welches bis heute lebendig ist.

Anna Maria Boll und Peter Weidisch, Welterbekoordination der Stadt Bad Kissingen, geben Einblicke in die seit 2021 zum Welterbe gehörende transnationale, serielle Stätte The Great Spa Towns of Europe. Am Beispiel Bad Kissingens werden Attribute der Welterbestätte, Herausforderungen und Aufgabenfelder vorgestellt und Einblicke in das gemeinsame Management gegeben.

17. Über den Tellerrand. Orte der Nachkriegsmoderne in Europa und USA

TWA Flight Center, ehemals Terminal 5, John-F.-Kennedy-Flughafen, New York
TWA Flight Center, ehemals Terminal 5, John-F.-Kennedy-Flughafen, New York; Bild: © Carsten Bauer.

Der Vortrag wird beispielhafte Orte nachkriegsmoderner Architektur vorstellen und die Gebäude, ihre Darstellung nach außen sowie die Community, die sie pflegt und betreibt, beleuchten:

In Form eines Reiseberichts erzählt Carsten Bauer von ausgewählten Vermittlungskonzepten, die hinter den einzelnen Architekturen stehen.

Der Diplom-Designer und Meisterschüler der UdK Carsten Bauer ist seit 1998 Bewohner des Eiermann-Hauses im Hansaviertel. Seine Begeisterung für die Architektur der Nachkriegsmoderne wurde durch die Nürnberger Bauten von Sep Ruf geprägt, er engagiert sich auf diesem Gebiet u. a. im Forum Kulturerbe der DDR e.V., Bürgerverein Hansaviertel e.V., interbau e.V., STALINBAUTEN e.V., Kulturerbe Netz Berlin, Egon Eiermann Gesellschaft und Schaustelle Nachkriegsmoderne.

18. Erfurt und sein jüdisches mittelalterliches Erbe

Alte Synagoge in Erfurt
Alte Synagoge in Erfurt; Bild: © Dr. Bernd Gross.

In Erfurt haben sich mit der Synagoge, dem Ritualbad und einem Wohnhaus aus dem 13. Jahrhundert sowie ein bei Ausgrabungen entdeckter »Schatz« herausragende bauliche und sachliche Zeugen der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde erhalten, für die der UNESCO-Weltkulturerbestatus beantragt wurde:

Im Vortrag werden die einzelnen Objekte vorgestellt und über den bisherigen Weg im Antragsprozess berichtet und diskutiert. 

Dr. Karin Sczech war Gebietsreferentin für das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und begleitete sie den Antragsprozess für das jüdische archäologische Erbe in Thüringen von Beginn an. Seit 2020 ist sie für die Stadt Erfurt als zweite UNESCO-Beauftragte tätig.

19. Das Bernauer Welterbe und sein Besucherzentrum

Bauhaus in Bernau, Besucherzentrum
UNESCO-Welterbe: Bauhaus in Bernau, Besucherzentrum; Bild: © 2022 Jean Molitor.

Mit dem Bau der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (1928-1930) in Bernau verbanden die Bauhaus-Architekten Hannes Meyer und Hans Wittwer ihre Idealvorstellung von Lehre und Praxis: Alle Bauhaus-Werkstätten waren an Planung und Ausführung beteiligt. Der Vortrag geht sowohl auf die innovativen Ideen ein, die hier verwirklicht wurden, als auch auf Strategien der Wissensvermittlung durch das Besucherzentrum:

Auf welche Art und Weise kann den Besuchenden verständlich gemacht werden, warum gerade dieses Bauhausensemble zum UNESCO-Welterbe ernannt wurde? Wie können wir Kinder und Jugendliche an dieses abstrakte Thema heranführen?

Die Bauhausforscherin Dr. Anja Guttenberger leitet das Besucherzentrum für das UNESCO-Welterbe Bauhaus in Bernau.

20. Blue Shield Deutschland e.V.

Yeha im Tigray
Yeha im Tigray, Äthiopien; Bild: © 2018 Alexander Savin (Ausschnitt).

Ziel von Blue Shield e.V. ist es, nationale Akteure aus den Bereichen des Kulturerbes und des Krisen- und Notfallmanagements zu vereinen und auf internationaler Ebene zu vernetzen, um als Kommunikations- und Beratungspartner in nationalen und internationalen Entscheidungsprozessen zur Verfügung zu stehen:

Naturkatastrophen, Klimawandel, bewaffnete Konflikte und mutwillige Zerstörungen – die Bedrohungen von Kulturerbe sind vielfältig. Wie können wir im Angesicht eines Krieges in Europa Kulturerbe besser schützen und vor mutwilliger Zerstörung bewahren?

Die Vizepräsidentin des Deutschen Nationalkomitees Blue Shield e.V., Elisabeth Korinth, berichtet über die Arbeit des Vereins, der sich auf nationaler und internationaler Ebene für den Schutz von kulturellem Erbe in Konflikt- und Katastrophensituationen einsetzt.

21. Das Historische Stadtzentrum von Wien und der Welterbestatus

Wien, Blick vom Stephansdom Richtung Kärntner Straße
Wien, Blick vom Stephansdom Richtung Kärntner Straße; Bild: © 2009 On tour (Ausschnitt).

Das Historische Zentrum von Wien wurde 2001 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen und umfasst mit ca. 1.600 Objekten den 1. Bezirk innerhalb der Ringstraße sowie die Ensembles Schloss Belvedere, Palais Schwarzenberg und Salesianerinnenkloster samt Gärten. Darum geht es im 21. Digitialen Dialog:

2017 wurde das Historische Zentrum von Wien – bislang als einzige Stätte in Westeuropa – auf die Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt; deshalb wurde ein Managementplan ausgearbeitet, der den Schutz der Welterbestätte neu ordnet. […] Das Spannungsfeld zwischen Anspruch, Entwicklungsdruck und Realität machen Wien zu einem Paradebeispiel der Diskurse zur Welterbekonvention: Was kann diese leisten und für wen schützen wir unser Erbe?

Der Historiker und Politikwissenschaftler Bernd Paulowitz koordiniert die Aktivitäten bzgl. der Welterbestätte »Speicherstadt« in Hamburg und betreut u. a. die Welterbestätte »Historisches Stadtzentrum Wien«.

22. Von der Schrift an der Wand

U-Bahneingang Strausberger Platz
U-Bahneingang Strausberger Platz, B-Süd, Karl-Marx-Allee.

Wie stark Typographie unseren Alltag prägt, würde uns erst bewusst, wenn sie nicht mehr da wäre. Im 22. Digitalen Dialog gehen wir auf eine »buchstäbliche Zeitreise« durch Berlin mit Bianka Gericke, die auf typographische Gemeinsamkeiten und Unterschiede in »Ost-West-Ost« hinweist:

Erfahren Sie, warum der Hansaplatz typographisch auch im Osten liegen könnte, was die Betonformsteine im 2. Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee mit einem Bauhaus-Vorkurs von Josef Albers zu tun haben und wo Berlins typographische Sonnen- und Schattenseiten liegen.

Bianka Gericke wäre als Kind gern für immer in die Karl-Marx-Buchhandlung eingezogen; das Lesen und Schreiben wurde für sie zum Beruf, seit 2020 verantwortet sie als leitende Redakteurin das Magazin »KMA II«.

23. Eiserne Eremitage – Konstruktion als Kulturerbe

Dach- und Deckentragwerk, Winterpalast St. Petersburg, 1842
Dach- und Deckentragwerk, Winterpalast St. Petersburg, 1842. Visualisierung: © Mark Gielen, BTU Cottbus.

Der Vortrag interpretiert den legendären Gebäudekomplex im Welterbe St. Petersburg als Konstruktion, die die 1837 durch einen Großbrand vernichteten Holztragwerke durch »feuersichere« Eisenkronstruktionen ersetzte:

Die Spurensuche bis zu den Wurzeln im Ural verändert unser Verständnis der Frühgeschichte des Stahlbaus bis hin zum zur selben Zeit errichteten Neuen Museum Berlin – und provoziert die Frage nach den ganz eigenen kulturellen Werten historischer Konstruktionen und der Verpflichtung für einen wertschätzenden Umgang.

Prof. Dr. Werner Lorenz unterrichtete Bautechnikgeschichte an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg; nach seiner Emeritierung leitet er seit 2021 das Programm »Kulturerbe Konstruktion« der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

24. Schlachtensee | Bogensee – Zwei deutsche Bildungsarchitekturen

Lektionsgebäude Bogensee
Lektionsgebäude der Jugendhochschule »Wilhelm Pieck«, Bogensee; Foto: © 2007 Jürgen Lindert.

Das Studentendorf Schlachtensee gehört als »Mustersiedlung demokratischen Bauens« zu den wichtigsten Zeugnissen des europäischen Moderneprojektes; die ehemalige FDJ-Hochschule am Bogensee wirkt zu dieser Stadtlandschaft geradezu wie ein Antipode, könnte aber

[…] als Erinnerungsträger an die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und vor allem als bildungspolitischer Ort des wissenschaftlichen und politischen Austauschs eine neue tragfähige Zukunft erfahren. Abriss und Wiederaufforstung, wie ihn das Land Berlin derzeit plant, ist der grundsätzlich falsche Ansatz.

Der Stadtplaner und -gestalter Andreas Barz ist Vorstandsmitglied der Studentendorf Schlachtensee eG, arbeitet seit 2002 an der Revitalisierung des Studentendorfs, das die von ihm mitgegründete Genossenschaft 2003 vom Land Berlin erwarb und damit vor dem Abriss rettete, und setzt sich nun für die Erhaltung des Bogensee-Areals als Bildungs- und Erinnerungsort ein.

25. Schluss mit »Ja, aber …« Der Verband für Bauen im Bestand e.V.

Bauen im Bestand
Wegweisend und zukunftsorientiert: Kompetenz für den Bestand; © Verband für Bauen im Bestand e.V.

Bestandssanierung ist anspruchsvoll und komplex, Fachkompetenz, Kreativität und disziplinübergreifendes Denken sind gefordert. Gemeinsam mit Bestandshaltern, Planern, Banken, Kreativen, Nutzern, Verwaltung, Verbänden usw. will der Verband für Bauen im Bestand e.V. dem Bestand eine Stimme geben:

Nur wenn wir Wissen teilen und gemeinsam zusammenarbeiten, kann Bauen im Bestand zu einer Bewegung und zum neuen Standard werden – ökologisch, ökonomisch und gemeinwohlorientiert. 

Nicola Halder-Hass ist u. a. Vorstand im Verband für Bauen im Bestand e.V. sowie geschäftsführende Gesellschafterin der Bricks & Beyond GmbH und begleitet mit ihrem Team das Community Involvement für Welterbekandidaten in Berlin im Auftrag des Landesdenkmalamts.

26. Welterbe Le Corbusier – Architektur und Stadtplanung in Indien

Chandigarh, Capitol High Court
Le Corbusier, Justizpalast in Chandigarh, 1956; Foto: © 2011 Sanyam Bahga.

Dr. Bärbel Högner gibt einen Überblick über das transnationale Welterbe von Le Corbusier mit besonderem Fokus auf seine

Bauten und den Masterplan für Chandigarh, jene ab 1951 gebaute neue Hauptstadt des indischen Bundesstaats Punjab, die der französische Architekt entscheidend prägte. Hier führten die lokalen Bedingungen sowie die wechselseitige Beeinflussung des vor Ort aktiven europäischen Teams um Le Corbusier und der indischen Kolleg*innen zum sogenannten »Chandigarh-Style«.

Dr. Bärbel Högner – Fotografin und Autorin mehrerer Bücher zum Werk von Le Corbusier – forschte für ihre Promotion in Chandigarh; seit 2009 lebt sie in der Unité d’habitation Typ Berlin. Sie unterstützte redaktionell die von Landes­denk­malamt und STALINBAUTEN geförderten Radiofeatures über die Berliner Nach­kriegsmoderne.

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About Achim Bahr

Der Künstler, Hochschullehrer, Historiker, Kurator und Autor Achim Bahr ist Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender des gemeinnützigen Vereins STALINBAUTEN e.V.