Festumzug mit Exkrementen.

Wie noch während (!) der letzten Parade verkündet wurde, findet auch in diesem Jahr – aber­mals am Pfingstsonntag (24. Mai 2026) und wiederum im geschützten Denk­malensemble von Frankfurter und Karl-Marx-Allee – der »Festumzug« des sog. Karnevals der Kulturen statt, mit dem bekanntlich für Toleranz und Verständnis gegenüber allen kulturellen Traditionen – außer der christlichen – geworben werden soll.

Von Kollateralschäden ist in der »Abschlusspressemitteilung KdK 2025« (–> pdf) natür­lich keine Rede, zumal die Bilanz der Ordnungs­maßnahmen absolut moderat ausfiel und insgesamt nur 38 Verwarnungsgelder wegen »Wildpinkelns« erhoben wurden: demnach kann es doch gar nicht so schlimm gewesen sein.

Urinpfützen an und in allen Hauseingängen; © 8. Juni 2025 STALINBAUTEN e.V.

Dem Pressetext ist allerdings auch zu entnehmen, dass »[k]napp 1.1 Millionen Men­schen« urinierend, defäkierend und vomierend »Zeichen für eine offene, friedliche, nach­haltige und freie Gesellschaft« gesetzt hätten – also sehr viel mehr als die er­war­teten 750.000 Besucher, für die das sanitäre Angebot – »108 Standard-Toilet­ten­kabinen, 29 barrierefreie […] und 8 VIP-Toiletten« – ja schon nicht an­nähernd aus­reichte, wie die Schirmherrin auf Nachfrage einräumte (Drucksache: DS/1683/VI).

Karneval der Vandalen: »unerträgliche Sauf-Drogen-Piss-Ver­an­stal­tung«; Fotocollage: © RBB 24.

Finanzierungslücke

Wie aus einem Bericht der B. Z. vom 4. März 2026 hervorgeht, fehlt dem »KdK« derzeit 1/4 Million Euro – bei einem Gesamtbudget von 2,5 Millionen Euro aus Haus­haltsmitteln des Senats (2025). Möglicherweise steht der Ver­an­stal­tung nun ein ähnliches Ende bevor wie einst dem gleichermaßen fäkalien­belasteten »Bier­festival«.

Spendenaufruf

Die Deckungslücke beträgt nun (9. April 2026) noch exakt 98.800 € – Geld, das benötigt wird, um für »[m]ehr Sicherheit & Awareness«, »Sauberkeit & Nach­haltigkeit«, »Schutz von Stadtraum & Kulturerbe« (!) sowie »[s]ani­täre Anlagen für Alle« zu sorgen – also, um überhaupt die Grundvoraussetzungen einer solchen Großveranstaltung zu erfüllen:

Am 9. April fehlen angeblich noch 98.800 € zur Finanzierung der grundsätzlichen Voraussetzungen.

Wir gehen allerdings davon aus, dass der Umzug auch dann stattfinden wird, wenn die er­for­der­liche Summe nicht zusammenkommt.

Ansprechpartner

Unter dieser Rubrik der »Infos für Anwohner*innen« werden eine email-Adresse genannt, an die man sich mit »spezielle[n] An­fragen« (viel­leicht auch mit Einwänden, Bedenken und Beschwerden?) »direkt« wenden könne: anwoh­ner@kar­neval.berlin, sowie eine »Bürgerhotline der Polizei«, die am Ver­an­stal­tungs­tag von 12:00 bis 22:00 Uhr zu erreichen sei: 030 . 4664501430

Angaben ohne Gewähr!

Wildpinkler

Nachdem das Wildpinkeln während des letzten sogenannten »Kar­ne­vals­um­zugs« zum Teil unvorstellbare Ausmaße angenommen hat, geben wir auf dbzgl. An­fragen besorgter Anwohner den Rat, jedes Wildpinkeln polizeilich an­zu­zeigen, denn das kann gemäß eines aktuellen Berichts der Berliner Zeitung (14. Mai 2026) durchaus teuer werden – in Extremfällen drohe sogar eine Haft­strafe:

Wildpinkeln fällt hierzulande nämlich unter ›grob ungehörige Handlungen‹. Es […] zieht gemäß Ordnungs­wid­rig­kei­ten­­gesetz, Paragraf 118, eine Geldbuße nach sich.

Video: Anwohnende klagen über Wildpinkler; Foto: © 2025 RBB 24.

Die Höhe derselben wird allerdings entsprechend Bußgeldkatalog 2026 kom­mu­nal sehr unterschiedlich festgesetzt:

So liegt die Geldsanktion je nach Region zwischen 35 und 5.000 Euro. […] Wer jedoch Glück hat, dem droht lediglich ein Bußgeld für eine Ord­nungs­wid­rig­keit. Wie hoch das genau angesetzt ist, regelt jede Region selbst­ständig. Besonders strenge Städte verhängen dafür sogar bis zu 5.000 Euro Strafe. Einige Beispielstädte sind Erfurt, Hannover oder auch Stuttgart, wo für Wildpinkeln ein saftiges Bußgeld verlangt wird.

In Friedrichshain und insbesondere bei diesem erwünschten und noch dazu mit 1,4 Mil­lio­nen Euro geförderten Event, das zudem unter der Schirmherrschaft von Be­zirks­bürgermeisterin Clara Herrmann steht, dürften die Bußgelder eher niedrig ausfallen, obwohl für Wohnbauten und Denkmale angeblich strengere Vorschriften gelten:

Wer in der Innenstadt gegen eine Häuserwand pinkelt, muss mit einer höhe­ren, meist dreistelligen Strafe rechnen. Wer ein Denkmal oder eine Kirche als öffentliche Toilette benutzt, kann nur noch hoffen, dass der liebe Gott ein Auge zudrückt; die meisten Ordnungshüter kennen in dem Falle kein Pardon mehr.

Das freilich wäre fast zu schön, um wahr zu sein.

Für und Wider

Ein Vorbericht von Madlen Haarbach im Tagesspiegel (13. Mai 2026) hat ein großes Echo der Leserschaft ausgelöst. Nach der Frage der Autorin, ob dieser sogenannte »Karneval« über sein 30. Jubiläum hinaus noch »eine Zukunft« habe, und der Fest­stellung einer »der beiden Leiterinnen des multi­kul­turel­len Straßen­festes«, dass es angesichts gekürzter Fördermittel »so wie in diesem Jahr […] auf jeden Fall nicht weitergehen« könne, ist in den Kommentaren eine rege Dis­kus­sion entbrannt.

Wiederholt ist da von »Rummel und Kommerz« die Rede, der Umzug des letzten Jahres sei »öde« gewesen und die »ganze Veranstaltung« habe »Reiz und Flair der früheren Jahre […] längst verloren«, bestehe »fast nur noch aus Fress­buden und Getränkeständen« und sei darum sogar »eine Beleidigung für viele Kulturen«, weil sie »die kulturelle Vielfalt […] auf Fressbuden und Pseudo­kostümierung« reduziere.

Streitpunkt Urin

Ein weiterer Bericht von Sharone Treskow im Berliner Kurier (20. Mai 2026) geht auf die Bedenken bzgl. der sanitären Ausstattung ein:

Wer schon mal beim Karneval der Kulturen war, weiß: Toiletten sind hier Mangelware. […] Der Druck auf die Ver­an­stalter ist also groß, eine saubere Lösung zu liefern.

Auch wenn die Anzahl der Toiletten im Vergleich zu letztem Jahr – wie be­hauptet – tatsächlich auf nunmehr 216 Standard-Toilet­ten­kabinen, 58 bar­riere­­freie und 16 VIP-Toiletten verdoppelt würde, s. o., wären es immer noch viel zu wenige, zumal der Bezirk »[b]ei einer erneuten Anmeldung am Standort Karl-Marx-Allee im Jahr 2026 […] die Verdreifachung der Toilettenzahl und zu­sätz­liche Pissoirs beauflagen« wollte (vgl. rbb24, 19.06.2025).

»Beim Karneval der Kulturen«, fügt die Autorin »aus Erfahrung« hinzu, »ver­bringt man gut die Hälfte der Zeit mit der Suche nach einem Dixi-Klo – und mit dem Schlangestehen davor.«

Diesmal soll die Reinigung nach dem Umzug intensiviert werden und gleich im Anschluss eine Spültruppe alle Hauseingänge mit Wasserstrahl säubern, im­mer­hin – immerhin auch zugleich das Eingeständnis, dass die Hausein- und -durch­gänge vor dieser Zweckentfremdung gar nicht erst bewahrt werden.

Lerchen vs. Krähen

Dem Vorschlag, mit der Parade anstatt in das denkmalgeschützte Wohngebiet von Frankfurter und Karl-Marx-Allee auf das Tempelhofer Feld auszuweichen, wurde im letzten Jahr mit dem Argument begegnet, dass dort die geschützte Feld­lerche brüte, deren Störung untersagt sei.

Wie steht es aber um die Nebel­krähen, die zur Zeit noch an der Allee brüten und seit 1987 gemäß § 7 Abs. 2 Ziff. 13 Buchst. b) bb) Bundes­natur­schutz­gesetz ebenfalls unter Schutz gestellt sind?

Pfingstmontag

Da wir diesmal nicht – wie noch im letzten Jahr – zur Teilnahme an ge­mein­samen Streckenbegehungen eingeladen wurden, haben wir selbst eine Inspek­tion durch­geführt: Am Pfingstmontag ist die Allee zwar weitgehend gesäubert, die WC-Spülung offenbar jedoch nicht überall wirksam zum Einsatz ge­kom­men – wie hier am west­lichen und öst­lichen Eingang von C-Süd:

Urinlachen und andere Hinterlassenschaften, Laternenschäden; © 25. Mai 2026 STALINBAUTEN e.V.

Ebenso wurde die Reinigung an Block G vernachlässigt, wo nicht nur wieder die Hauseingänge, sondern auch die Kolonnaden sowie insbesondere die Keller­abgänge als Kloaken Verwendung fanden.

Natürlich wurden auch die Grünflächen und Mittelstreifen in Mitleidenschaft gezogen und mindestens zwei Laternen beschädigt – hier fehlen die Kera­mik­kränze komplett.

Bilanz des Ordnungsamts

Laut Pressemitteilung des Bezirksamts vom 27. Mai 2026 wurden beim Umzug des sog. »Karnevals« diesmal »insgesamt 174 Ord­nungs­widrigkeiten […], un­er­laub­te Sondernutzung des öffentlichen Straßen­landes, Urinieren in der Öffent­lich­keit, Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz und Verstöße gegen das Ladenöffnungsgesetz festgestellt und geahndet. 90 Buß­gel­der wurden vor Ort bezahlt. Insgesamt wurden dadurch 4995 Euro ein­ge­nommen.« Außerdem seien weitere 84 nicht näher definierte Ord­nungs­wid­rigkeiten zur Anzeige gebracht sowie »eine nicht unerhebliche Menge von illegalen Tabakprodukten fest­ge­stellt« worden.

Von mehreren Hausverwaltungen im Bereich G-Nord und -Süd zwischen Petersburger resp. Warschauer und Proskauer resp. Niederbarnimstraße wird zudem die Erstattung der Kosten für die teilweise aufwändige Reinigung der rückwärtigen Haus- und Kellereingänge sowie der Kolonnaden verlangt.

mm

About Achim Bahr

Der Künstler, Hochschullehrer, Historiker, Kurator und Autor Achim Bahr ist Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender des gemeinnützigen Vereins STALINBAUTEN e.V.